Es war längst überfällig, dass ein Kliniker Wilbers Evolutionsphilosophie in ein Konzept für die psychotherapeutische Praxis fasst, und hier ist es nun: ein beachtliches, gewichtiges Werk zum Sich-anregen-Lassen, Nachschlagen, Durcharbeiten und Weiterdenken. Das Buch hat einen integralen Anspruch, und es hält, was es verspricht. Es ist eine enorme Herausforderung, die Multiperspektivität einer integralen Psychologie überschaubar darzustellen, so dass deren Sicht der Entwicklung des menschlichen Holons' - über verschiedene Phasen (Ebenen), in verschiedenen Bereichen (Quadranten) durch verschiedene Fähigkeiten und Eigenschaften (Linien) - nachvollziehbar wird. Im ersten Teil des Buches werden Wilbers zahlreiche Konzepte umfassend und klar, in gut durchdachtem Aufbau in einen Guss' gebracht. Dabei bleibt der Autor immer in eigener Position sichtbar und als erfahrener Kliniker erkennbar, dem Wilber'schen Modell sozusagen gegenüber, was für mich als Leserin einen sehr angenehmen Abstand für eigenen Denkraum lässt. Herzstück des Buches ist der zweite Teil, in dem ein Modell entworfen wird, wie eine Integrale Psychotherapie aussehen könnte. In Wilbers Sicht - in transpersonaler Sicht überhaupt - sind psychische Störungen immer Entwicklungsstörungen. Anliegen einer Integralen Therapie ist deshalb, den stagnierenden Entwicklungsprozess wieder in Gang zu bringen, und zwar in allen Bereichen (AQAL-Konzept), denn „eine wahrhaftig integrale Therapie ist nicht nur individuell, sondern auch kulturell, sozial, spirituell und politisch.". Integrative Psychotherapie erweist sich als ein Rahmen, ein größeres Ganzes, in den vielfältige therapeutische Ansätze - als Teile - eingefügt werden können. Eine besondere Würdigung erfährt dabei die Psychosynthese, deren „pluridimensionale Konzeption der menschlichen Psyche" nach Ansicht Weinreichs der Einzelansatz ist, der einer integralen Psychotherapie am nächsten kommt. Im dritten Teil wird die Klinik Bad Herrenalb beispielhaft untersucht im Hinblick auf ihr zugrunde liegendes Menschenbild und Störungsmodell, das allgemeine Therapieangebot und das psychotherapeutische Angebot, sowie Kontextfaktoren wie Klinikkultur, fachliche Kompetenz, Öffentlichkeitsarbeit, finanzielle Basis. Diese Analyse lässt lebendig anschaulich werden, wie das theoretische Modell Fleisch und Blut' bekommt. Zudem wird deutlich, welche Herausforderung ein solches Modell an die Beteiligten stellt und welche Grenzen ihm gezogen sind - besonders in Zeiten von Geldknappheit und Effizienzdruck.
Ulla Pfluger-Heist
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