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SPRACHE

Tore Janson, Frederick Bodmer

Tore Janson, Eine kurze Geschichte der Sprachen, (Spektrum),
und Frederick Bodmer, Die Sprachen der Welt (Parkland)

Fasst man, ausgehend von Ken Wilber und dem von ihm formulierten methodischen Pluralismus, Bewusstwerdung nicht nur als ein immer tiefergehendes Verständnis seiner eigenen Subjektivität auf, (Zone 1), sondern als eine Bewusstwerdung in und durch alle Hauptperspektiven des in-der-Welt-seins, dann gehört zu dieser Bewusstwerdung die Bewusstmachung dessen dazu was geschieht, wenn wir miteinander sprechen. Wir lernen unsere Muttersprache(n) als Kinder überwiegend durch Nachahmung, ohne uns dabei der Hintergründe und Strukturen dessen bewusst zu werden, was wir eigentlich dabei machen. Diese Bewusstwerdung geschieht – falls überhaupt - später im Grammatikunterricht in der Schule, oder wenn wir als Erwachsene eine neue Sprache lernen. Diese Bewusstwerdung und ihre Geschichte ist auch Thema der beiden aufgeführten Bücher.

Eine kurze Geschichte der Sprachen beschäftigt sich überwiegend mit dem Entwicklungsaspekt, und Die Sprachen der Welt befasst sich, ebenfalls unter Berücksichtigung der Sprachentwicklung, mit den Strukturaspekten der Sprachen.

Menschen haben – als empfindende Wesen Innerlichkeit und Intentionalität, und eine Möglichkeit diese zum Ausdruck zu bringen ist das Sprechen. Dabei wird gleichzeitig meist bezug genommen auf ein anderes empfindendes Wesen, einen anderen Menschen, und es entstehen Intersubjektivität und Verständnis. „Spirit in action“ hat, beginnend bei einfachen Rufverständigungen, im Verlauf von Jahrtausenden enorm komplexe und reichhaltige Werkzeug zur Verständigung geschaffen, welche laufend von denjenigen die sie verwenden gemeinschaftlich weiterentwickelt werden, auch jetzt im Akt eines Schreibens und sich Mitteilens, und dem Lesen und Verstehen des Geschriebenen. Dabei geben Wortschatz und grammatische Struktur ein Abbild der Gesellschaft die eine Sprache verwendet, und gleichzeitig wirkt die Sprache auf diejenigen zurück welche sie verwenden und formt deren Verständnis von sich selbst und der Welt.

Tore Janson, Eine kurze Geschichte der Sprachen

Die spannende Entwicklungsgeschichte der Sprachen der Welt erzählt das Buch von Tore Janson. Zu dieser Entwicklung gehört die Entstehung unterschiedlicher Sprachen und Sprachgruppen (z. B. indoeuropäisch, bantu), z. T. unabhängig voneinander, zum Teil durch ein sich auseinander entwickeln aus einem gemeinsamen Sprachursprung heraus (z. B. deutsch, englisch und schwedisch). Im Gefolge der Sprachentwicklung entstand irgendwann auch die Schrift, als eine Möglichkeit sprachlich ausgedrückte Bewusstseinsinhalte zu konservieren, mit enormen Konsequenzen für die individuelle und kulturelle Bewusstseinsentwicklung. Die dabei entstandenen unterschiedlichen Schriftformen, sowie auch die unterschiedlichen Sprachen selbst, sind lebendige Beispiele für Kreativität und Vielfalt von Eros oder dem evolutionären Impuls. Es gibt Schriften die Laute repräsentieren, andere nehmen Worte oder Silben als Repräsentanten, und wieder andere haben als kleinste Darstellungseinheiten die Buchstaben eines Alphabets – und sie alle bilden auf jeweils unterschiedliche Weise und „in ihrer Sprache“ das ab, was von ihnen als „Wirklichkeit“ betrachtet wird. Neuen Sichtweisen und Bewusstseinsentwicklungen folgen dabei auch neue Sprachschöpfungen, sowohl was Sprachinhalte (Worte) als auch was die Sprachstrukturen angeht. Die kurze Geschichte erläutert dies am Beispiel der „Karrieren“ von Griechisch und Latein, und, daraus sich ableitend, die Entstehung des Italienischen und des modernen Englisch.



Frederick Bodmer, Die Sprachen der Welt

Die Sprachen der Welt ist ein Standardwerk zum Thema. In ihm findet sich auch (auf S. 87) der von Wilber gerne zitierte Hinweis auf die Unterschiede der Pronomina einer ersten, zweiten und dritten Person:

„Das Pronomen der ersten Person steht für die Person, die eine Aussage macht, dasjenige der zweiten Person steht für die Person, an die wir uns wenden, und das der dritten Person für die Person oder die Sache, über die wir etwas aussagen oder eine Frage stellen.“

Das Buch beginnt mit Hinweisen zum Erlernen von Sprache, und widmet sich dann ausführlich der Entwicklungsgeschichte. Auf knapp 700 Buchseiten erläutert der Autor anhand einer Fülle von Beispielen aus den unterschiedlichsten Sprachen der Welt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Wortschatz, Grammatik und Struktur, und es ist faszinierend nachzulesen, welche Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) im Laufe der Zeit von uns Menschen zur Beschreibung „unserer“ Wirklichkeit entwickelt wurden. Angefangen bei einfachen Benennungen von „Dingen“ der äußeren Welt, über die schon sehr viel anspruchsvollere Beschreibung innerer Ereignisse, bis hin zu komplexen grammatikalischen Konstruktionen und Wortveränderungen wie Flexionen nach Person und Zeit, Steigerungen, Genus- und Fallunterscheidungen, Aussagemodi, Syntax usw. Die Fülle der Beispiele „erschlägt“ einen fasst, doch sie spiegelt lediglich das wieder, was Evolution im Bereich von Sprache bedeutet, ein überschäumender Ausdruck von Fülle und Freiheit, Vielfalt und gemeinsamer (Grund)struktur, Schönheit und Notwendigkeit, Wechsel und Beständigkeit, Individualität und Gemeinsamkeit, Innerlichkeit und Äußerlichkeit – und hinter all dem das unbändige Verlangen nach immer mehr Tiefe und Klarheit, in einer nie endenden Spirale der Bewusstwerdung.

Michael Habecker




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Mathematik von NULL bis zur Unendlichkeit