Bücher
  Herausgeber     Studien     Artikel     Studienreihe     Journal     Wilber-Bibliothek     LINKS     SHOP  
Integrale (R)EVOLUTION
Integrale Psychotherapie
Integrale Buchbesprechung
Allgemein:
Startseite
NEWSLETTER
Sitemap
Website-Führung
Mit MUSIK surfen
Impressum und Kontakt
Datenschutz

Ich vergebe

Colin C. Tipping

Colin C. Tipping, Ich vergebe, Der radikale Abschied vom Opferdasein (Kamphausen)

Dies ist ein wunderbares Buch, und gleichzeitig ein Buch, welches die Notwendigkeit eine integralen Betrachtungsweise eindringlich unterstreicht.



Das Wunderbare an dem Buch ist, dass es über ein enorm wichtiges Thema individueller und kollektiver Psychodynamik, das Thema „Vergebung“, ebenso fundiert wie praktisch Auskunft gibt. Der Autor spricht aus jahrelanger Praxis und Erfahrung, und das tut dem Buch – und den Lesern die sich darauf einlassen – sehr gut. Die Bedeutung einer Vergebungspraxis für das eigene individuelle, sowie auch für das kollektive Leben ist kaum zu überschätzen, und wie sich eine derartige Praxis im Lebensalltag durchführen lässt wird in dem Buch anschaulich beschrieben.

Als Praktiker vermeidet der Autor von Anfang an eine “alles wird gut“ Haltung und geht dem Problem auf den Grund. Dabei wird die Eigenverantwortlichkeit für das eigene Erleben ebenso klar angesprochen wie die Notwendigkeit, Unangenehmes wie Wut oder Hass erst einmal richtig anzunehmen und die Urheberschaft dafür zu übernehmen, bevor man es loslassen kann. Ebenso deutlich macht er, dass „Pseudo-Vergebung“ keine Lösung ist, sondern dass es in der Regel ein tiefes, und oft anhaltendes Einlassen auf sich selbst bedarf, und eine gehörige Portion Gnade dazugehört („Vergebung ist nicht bewusst kontrollierbar. Sie geschieht einfach, wenn wir bereit sind“ 58). Wichtig ist auch der Hinweis darauf, dass uns eine „radikale Vergebung nicht von unseren Verantwortungen in der Welt entbindet.“ (61) Vergebung in diesem Sinn heißt daher nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ oder “laissez faire“, sondern kann z. B. auch bedeuten rechtliche Wege zu beschreiten, jedoch aus einer innerlich versöhnten Haltung heraus, und nicht aus einer Unversöhnlichkeit. In Kapitel 7 beschreibt der Autor klar die Mechanismen von Projektion und Verdrängung, und deren verheerende Auswirkungen auf Menschen, Beziehungen und Kulturen. Das Prinzip dabei fasst er in einem Satz zusammen:

„Wenn Sie wissen wollen, was Sie an sich selbst nicht mögen und zu welchen Ihrer Seiten Sie den Kontrakt verloren haben, schauen Sie sich einfach an, was Sie an Menschen, die in ihr Leben gekommen sind, am meisten stört.“ (90)

Mit Fallbeschreibungen aus der eigenen therapeutischen Praxis und konkreten Übungsanleitungen werden Möglichkeiten aufgezeigt, mit diesen Störungen zu arbeiten, ganz ähnlich dem Prinzipen der „Schattenarbeit“, wie sie im ILP Starterkit des I-I beschrieben werden. Dies ist die große Stärke des Buches, die fundierte Beschreibung einer phänomenologischen Problematik (Unversöhnlichkeit) und ihrer Lösung (Versöhnung). Hier in der – um mit Wilber zu sprechen – Zone 1 der 8 Hauptperspektiven ist der Autor wirklich zu Hause und weiß wovon er spricht.

Das Problem das dabei jedoch entstehet, ist eine Verabsolutierung dieser Perspektive (Wilber: „Absolutismus“), d. h. eine Anwendung einer ausschließlich subjektiven Sichtweise auf Dinge und Bereiche, die für diese Sichtweise allein nicht mehr zutrifft und ausreicht. Es ist eine Sache, die wichtige Rolle der eigenen Subjektivität bei allem was einem geschieht zu betonen, es ist jedoch eine ganz andere (und sehr problematische) Sache, alles was einem begegnet zu subjektivieren, und so zu einem Subjektivismus und Absolutismus zu gelangen. Aus einem Viertel eines Ganzen, - um mit Wilbers Quadrantenmodell zu sprechen, dem oberen linken Quadranten, wird das Ganze, unter Ausschluss der anderen drei Quadranten und Seinsbereiche, was zu verheerenden Schlussfolgerungen führen kann wie folgt:

„1. Nehmen Sie an, die Seele, die inkarnierte, um Adolf Hitler zu werden, kam mit der Mission, das Opferbewusstsein des jüdischen Volkes und den Überlegenheitskomplex der Deutschen zu heilen.

2. Nehmen Sie an, Saddam Hussein kam, um dem kollektiven Bewusstsein der amerikanischen Nation dabei zu helfen, seine Schuld wegen der Sklaverei und der furchtbaren Misshandlung des eigenen Volkes zu heilen.

3. Wie wäre es, wenn Slobodan Milosevic kam, um den Amerikanern dazu zu dienen, den Selbsthass auf ihn zu projizieren – jenen Selbsthass, den sie wegen der an den amerikanischen Ureinwohnern, den Indianern, verübten ethnischen Säuberungen zu verspüren.

4. Wie wäre es, wenn die chinesische Regierung in Tibet einmarschieren musste, um den Dalai Lama zu zwingen, die Welt zu bereisen und eine wundervolle Botschaft über die Grenzen Tibets hinaus zu verbreiten.

5. Stellen Sie sich vor, dass die Seele, die Prinzessin Diana war, genau auf diese Weise zu sterben wählte, wie sie es tat, um das Herz-Chakra Englands zu öffnen.“ (106)

Der Autor spricht dabei von „sehr extremen Beispielen“, aber extrem sind nicht die Beispiele, sondern der Subjektivismus des Autors, mit dem er hier, verbunden mit einem karmischen Determinismus, die schlimmsten Verbrechen logisch (v)erklärt. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, dann ist es nur ebenso logisch, sich noch ganz viele Hitlers, Husseins, Milosevics, chinesische Aggressionen und Verkehrsunfälle zu wünschen, damit noch mehr von derartigen Heilungsprozessen vonstatten gehen können. Am besten verbreitet man gleich selbst Terror, irgendetwas oder irgendjemand wird davon schon geheilt werden ...
Der Autor projiziert, mit anderen Worten, seine ihm unbewussten Erklärungsstrukturen in die Phänomene die er beschreibt hinein, mit Ergebnissen wie oben aufgeführt. Dahinter steckt der „Mythos des Gegebenen“, der zwar die Phänomene oft gut beschreibt, aber die sie interpretierenden eigenen Hintergrundstrukturen vernachlässigt. Dies ist ein grundlegendes Problem bei (ansonsten authentischen) Büchern mit spiritueller Thematik, das Wilber in Integral Spirituality wie folgt zusammenfasst (nach dem er die Bücher einer Reihe namhafter Autoren wie A. H. Alamaas, Byron Katie, Fritjof Capra, Daniel Goleman, Ervin Laszlo, Deepak Chopra, Rupert Sheldrake und Thich Nhat Han bespricht):

„Diese [in den erwähnten Büchern besprochenen Ansätze] umarmen, abgesehen von ihren guten Beiträgen, den Mythos des Gegebenen. Dies ist ein schlimmer Fall von monologischer Phänomenologie, die sich so sehr selbst überschätzt, eine Lüge im Angesicht der postmodernen Wende des GEISTES bei seiner immer weiter fortschreitenden Entfaltung.
Ich finde dies sehr traurig, weil es leicht zu korrigieren wäre. Ich beobachte dies nun seit beinahe 30 Jahren, und nur wenige Autoren haben verstanden worum es bei der Intersubjektivität geht (sie haben den unteren linken Quadranten nicht berücksichtigt, d. h. sie vernachlässigen die Zonen 2 und 4). Ein konstruktiver postmoderner Ansatz – als Teil eines integralen Ansatzes -, kann die bedeutenden Beiträge dieser Autoren so nehmen wie sie sind, doch er setzt ihre problematischen Epistemologien in Bezug zu einem integralen Rahmen und stellt sie in einen umfassenderen Kontext. Unterbleibt dies jedoch, dann wird der Mythos des Gegebenen weiterhin das Denken in Ketten legen, und es wird immer so weiter gehen: eigene Vorstellungen die Befreiung versprechen, und doch nur Lügen hervorbringen.“ (178)

Und so oszilliert auch das hier besprochene Buch zwischen hervorragenden Einsichten individueller menschlicher Psychodynamik, und absolutistischen Feststellungen über das Sein und die Welt, die einer Subjektivität entspringen die sich ihrer eigenen Interpretationshintergründe nicht bewusst ist. Was die Darstellungen der Entstehung von Unversöhnlichkeit und die praktischen Möglichkeiten ihrer Heilung durch Vergebung angeht kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Wo der Autor jedoch darüber hinausgehende Erläuterungen liefert, sollte man sich woanders umschauen, z. B. bei Wilber.

Michael Habecker


Druckbare Version

Alle, nicht jeder Einführung in die Methoden der D
SPRACHE