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Tagebücher |
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aus dem Online-Journal "integral informiert" Nr. 4 / 2007, S. 35 - 38 |
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Innen(er)leben – die Unmittelbarkeit der Zone 1 |
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Die 8 Hauptperspektiven des in-der-Welt-Seins (oder Horizonte, oder Zonen), wie sie Ken Wilber – abgeleitet aus den vier Quadranten – im Rahmens seines Integral Methodologischen Pluralismus (IMP) vorstellt, haben jeweils ihre besondere Bedeutung, Charakteristik, Größe und Grenze für das menschliches Sein und die menschliche Erkenntnis. Da diese Perspektiven nicht von Wilber er- , sondern gefunden wurden, gibt es für jede dieser Perspektiven auch schon immer alle Arten menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten, wie z. B. Literatur. Was wäre die Literatur der Zone 1, das Innerliche des Individuellen? (Was ist das Innere des Individuellen? Das was Sie – und jedes empfindende Wesen – jetzt gerade innerlich erleben: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen ...). Eine typische Literaturgattung dieses Erlebens ist das Tagebuch, die Aufzeichnung dessen, was unmittelbar in einem vor sich geht, und,wenn man das möchte, dessen Veröffentlichung. Tagebücher, wenn sie authentischsind, lassen die Leser am Innenleben eines anderen Menschen teilhaben, an der Ursprünglichkeit und Direktheit des inneren Erlebens eines anderen Menschen. Sie lassen uns auf eine unmittelbare Weise miteinander in Kontakt und Berührung kommen und ermöglichen es uns einander mit-zu-teilen. (Eine moderne Variante des Tagebuchs mit Beteiligungsmöglichkeit sind die durch das Internet möglich gewordenen öffentlichen Blogs.) Für diese Besprechung wähle ich drei ganz unterschiedliche Tagebücher aus der Zeit des zweiten Weltkriegs: |
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1. Das Tagebuch der Anne Frank |
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(siehe dazu auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_der_Anne_Frank).
Die nachfolgende Beschreibung ist diesem Text entnommen. Dieses (Tage)Buch ist ein Klassiker der Weltliteratur. Im Hinterhaus eines Gebäudes im durch die Deutschen besetzten Amsterdam schriebdie Jüdin Anne Frank, geboren 1929, ihr Tagebuch, beginnend im Sommer 1942. Die Familie musste sich vor dem Zugriff durch die Nazis in diesem Haus versteckt halten, und je länger der Aufenthalt im Versteck dauerte, desto angespannter wurde die Situation. Die Langeweile des Alltags und die Einschränkungen sorgten für immer intensivere Konflikte untereinander. Da Anne nun keinen Kontakt zu ihren eigentlichen Freunden haben durfte, entwickelte sich das Tagebuch als Medium, dem sie alles anvertrauen konnte, zu ihrer wichtigsten Begleitung in der schweren Zeit. Zunächst schrieb Anne über diverse Erlebnisse in ihremungewöhnlichen Alltag – die Enge des Verstecks, schöne Überraschungen und die Konflikte mit den Mitbewohnern. Es sind diese ganz alltäglichen Eintragungen, die dem Leser dieses Mädchen und seine Erlebens- und Gefühlswelt sehr nahe bringen, vor dem Hintergrund einer mörderischen Besatzungsmacht. Während der 25 Monate im Versteck vertraute Anne ihrem Tagebuch all ihre Ängste und Hoffnungen an. Es wird deutlich, wie sie dabei zu innerer Festigkeit heranreifte. |
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Anne zeigte schon immer ein ausgeprägtes Interesse am Lesen und Schreiben, das auch von ihrem Vater gefördert wurde. Während des Aufenthalts im Hinterhaus las sie zahlreiche Bücher, wodurch sie ihre literarischen Kenntnisse und ihre schriftstellerischen Fertigkeiten stetig verbesserte. Mit der Zeit wurden ihre Tagebucheinträge komplexer, und sie äußerte sich auch zu abstrakten und schwierigen Themen wie z. B. dem Glauben an Gott. Sie sprach von ihren Bestrebungen, einmal als Schriftstellerin berühmt zu werden. Neben ihrem Tagebuch begann sie, andere literarische Werke zu schreiben und offenbarte dabei Qualitäten, die angesichts ihres jungen Alters als überdurchschnittlich einzuschätzen sind. |
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Anne begann ihr Tagebuch als privaten Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle, die keiner lesen durfte, wie sie mehrmals betonte. Am 29. März 1944 änderte sie ihren Plan jedoch. Im Radio hörte sie, wie Gerrit Bolkenstein, der Minister für Bildung, Kunst und Wissenschaft bei der niederländischen Exilregierung, davon sprach, dass er nach Ende des Krieges eine öffentliche Dokumentation über die Unterdrückung derNiederländer unter deutscher Besatzung produzieren wolle. Zu diesem Zweck sollte möglichst viel alltägliches Material - Briefe, Tagebücher etc. - beitragen. Anne gefiel diese Idee, und sie bereitete ihr Tagebuch für eine Veröffentlichung vor. Im Mai begann sie, ihre Einträge zu überarbeiten. Sie entfernte und veränderte einige Abschnitte, die ihrer Meinung nach uninteressant oder zu intim für die Öffentlichkeit waren. Außerdemadressierte sie nun alle Einträge einheitlich an ihre imaginäre Freundin Kitty, die seit den Einträgen des zweiten Teils, also seit November 1942, ihre Ansprechpartnerin war. Anne wurde, nachdem das Versteck im Hinterhaus entdeckt wurde, in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht und dort kurz vor Ende des Krieges, im März 1945, ermordet. Das Tagebuch wurde, wie von Anne gewünscht, veröffentlicht, und zu einemlebendigen Symbol und einer persönlichen Stimme für alle durch das Naziregime Verfolgten. |
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2. Alexander Hohenstein: Warthelänisches Tagebuch |
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Wartheländisches Tagebuch 1941/42 (dtv Dokumente, antiquarisch) Das Wartheländische Tagebuch 1941/42, verfasst unter dem Pseudonym „Alexander Hohenstein“ umfasst die Tagebuchaufzeichnungen des Verfassers aus dieser Zeit und ist ein ebenso eindringliches wie erschütterndes Dokument des Denkens und Fühlens dieses Autors und der Menschen, mit denen er in dieser Zeit zu tun hatte. Aus der Einleitung („Über dieses Buch“): Nachdem Polen 1939 besiegt worden war, wurde der „Reichsgau Wartheland“ von dem durch die Deutschen besetzten Rest Polens, dem „Generalgouvernement“, abgetrennt und dem Deutschen Reich eingegliedert. Ein großer Teil der dort lebenden Polen wurde in das Generalgouvernement „abgeschoben“, der verbleibende Rest der polnischen Bevölkerung und der einheimischen Juden „bevölkerungspolitisch betreut“. Die Verwaltung wurde in die Hände besonderer Vollzugsorgane gegeben, die oft aus strammen Nationalsozialisten bestanden. Daneben wirkten jedoch auch solche Männer, die – zuweilen in einer Art Strafversetzung – in das Wartheland abkommandiert worden waren. Der Verfasser des vorliegenden Buches gehörte zu diesen deutschen Kommunalbeamten. Wie er – als rechtlich denkender Beamter alter Schule – in zunehmendem Maße mit den Prinzipien nationalsozialistischer Ostpolitik in Konflikt geriet, indem er Polen und Juden als Menschen betrachtete, obwohl sie für ihn doch als Untermenschen, Arbeitssklaven und Ungeziefer zu gelten hatten, wie er im Vollgefühl deutscher Überlegenheit, jedoch in humaner Grundhaltung dem polnischen Volke die „Segnungen der Kultur“ zu bringen trachtete, statt es, wie man von ihm erwartete, zu terrorisieren und auszubeuten, und wie er mit dieser Haltung in zunehmend stärkeren Gegensatz zur Partei geriet, findet in dem Tagebuch seinen lebendigen Niederschlag. Es gibt in anschaulicher Weise Einblick in die tägliche Praxis nationalsozialistischer Besatzungspolitik in Polen und darüber hinaus in die praktischen Auswirkungen der antisemitischen Ideologie und Politik des damaligen deutschen Staates. |
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3. Traudl Junge: Bis zur letzten Stunde |
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Traudl Junge, Bis zur letzten Stunde, List Verlag. Eine junge Frau, 22 Jahre „alt“, und „von Politik keine Ahnung“ habend, wird im November 1942 zu einem Vorstellungsgespräch als Sekretärin beim „Führer“ Adolf Hitler eingeladen und bekommt die Stelle dann im Januar 1943, die sie bis zur letzten Stunde auch ausübt. Kurz nach dem Krieg, 1947, schrieb Frau Junge ihre Erinnerungen an diese Zeit in einem Tagebuchmanuskript nieder. Zu dieser Zeit interessierte sich niemand für ihre Aufzeichnungen, zu frisch waren die Erfahrungen und Wunden, und es bestand kein Interesse sie erneut aufzurühren, auch bei Frau Junge nicht. Mit der Zeit jedoch, und mit immer mehr Abstand zur Naziherrschaft, rückten diese persönlichen Aufzeichnungen und Frau Junge in das Blickfeld eines allgemeinen Interesses. Im Jahr 2002 überzeugt die Autorin Melissa Müller Frau Junge, nachdem sie den Kontakt zu ihr gesucht hatte, das Tagebuchmanuskript als Buch zu veröffentlichen. In einem Vorwort zum Buch beschreibt Frau Junge, wie es ihr mit diesem Buchprojekt ging, und erhellt damit auch gleichzeitig dasjenige, was durch diese Art von Tagebuchdokumentation einer Zeitzeugin ermöglicht wird: ein unmittelbarer Einblick in das „unbefangene“ Innenleben von Mit-Menschen zu einer bestimmten Zeit. Sie schreibt: „Damals [1947 beim Aufzeichnen] ging ich recht unbefangen ans Werk und wollte die wichtigsten Ereignisse und Episoden aus jener Zeit festhalten, bevor Details, die später einmal von Interesse sein könnten, verblassten oder ganz in Vergessenheit gerieten. Als ich mein Manuskript mit Abstand von mehreren Jahren wieder las, erschreckte und beschämte mich die Kritik- und Distanzlosigkeit, mit der ich damals ans Werk gegangen war. Wie konnte ich nur so naiv und leichtsinnig gewesen sein?“ (S. 9) |
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In allen drei aufgeführten Büchern wird der Leser auf eindringliche Weise in die Zeit und Perspektive der AutorInnen gezogen und eingeladen, an ihrem inneren Erleben teilzunehmen. Auf diese Weise wird nicht nur der tagebuchführende Mensch fühlend erlebbar, mit all seinen Bewusstseinshintergründen, Denkweisen, Glaubensüberzeugungen, Gedanken und Gefühlen, sondern auch die Zeit, in der er lebte, mit ihrem „Zeitgeist“, in diesem Fall der Naziherrschaft, jeweils aus einer unterschiedlichen Perspektive. Wir tauchen beim Lesen gewissermaßen „ohne Abstand“ und Distanz in die private Erlebniswelt eines Mitmenschen ein und können mit dieser Kontakt aufnehmen und uns berühren lassen. Hierin liegt die Größe und Großartigkeit dieser Perspektive und Wahrnehmungszone: die Naivität einer weitgehend unreflektierten Innenschau, die wiederum, gerade weil sie unreflektiert stattfindet, das Innenleben eines Menschen unmittelbar offenbart. Alle drei genannten Bücher wurden, gerade auch wegen ihrer Authentizität, zum Gegenstand vieler weiterer Dokumentationen und Berichte. Zum Leben von Anne Frank gibt es eine Reihe ausgezeichneter Verfilmungen und Dokumentationen. Das Wartheländische Tagebuch ist in einer ebenso eindringlichen wie einfühlsamen Fernsehdokumentation von Hans-Dieter Grabe an Originalschauplätzen aufbereitet worden. Zu Traudl Junges Zeit als Hitlers Sekretärin gibt es eine beeindruckende und erschütternde Videodokumentation von André Heller und Othmar Schmiderer, Im toten Winkel, in der Frau Junge ausführlich aus ihrem Leben als Hitlers Sekretärin erzählt. Außerdem war das Buch Bis zur letzten Stunde eine wichtige Quelle für das Drehbuch zum Film Der Untergang. -mh |
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Druckbare Version
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Musik und Erleuchtung What is Enlightenment? Ausgabe 26
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